Foederverein Drucktechnik Duesseldorf e.V. shadow

Geschichte des Gautschens

Gautschen - eine alte Tradition gewinnt wieder neue Freunde

Spurenlese zur geschichtlichen Entwicklung eines alten Brauchtums mit Hilfe des "Kleinen Lexicon der Schwartzen Kunst".

Früher war den Jüngern Gutenbergs der Gautschbrief wichtiger als der Gesellenbrief, man war erst ein zünftiger Drucker nach der Zeremonie des Gautschens. Zeitweise geriet dieser Brauch in Vergessenheit. Viele "modern" eingestellte Zunftmitglieder waren der Meinung, alte Zöpfe abschneiden zu müssen. Heute ist das Gautschen vielerorts wieder aufgelebt und bei Auszubildenden wie Ausbildenden allseits wieder sehr beliebt. Manchem erscheint dies in einer Zeit modernster elektronischer Technologien etwas verwunderlich. Ist die Wiederentdeckung alter Tradition ein Anstoß, die Verbundenheit von Jugendlichen und alten Meistern mit dem erlernten Beruf neu zu dokumentieren? Geschichtliche Vorläufer des Gautschens sind das DEPONIEREN und das POSTULIEREN. Ausgangspunkt der ebenso feierlichen wie zünftigern Handlung ist die Aufnahme des CORNUTEN in die Gilde der Gehilfen. "Cornut, heißt, bey den Buchdruckern, ein Lehrling, der nach vollendeten Lehrjahren zwar losgesprochen worden, aber noch kein Geselle ist, als welches er erst durch das sogenannte Postulat wird. Daher das Cornutgeld, welches ein Cornut von seinem Verdienste wöchentlich an die Gesellen abgeben muss, der Cornuten-Hut, ein mit Hörnern gezierter Hut, welcher ihm bei dem Postulate aufgesetzt und in der Deposition feyerlich abgestoßen wird." (Krünitz, 1776) Ein CORNUT war also ein ausgelernter Lehrling, der aber nach ungeschriebenen Regeln erst noch eine bestimmte Zeremonie über sich ergehen lassen musste, ehe er als vollwertig galt. Wenn es möglicherweise noch als Schabernack angesehen werden konnte, einen ausgelernten ("losgesprochenen") Lehrjungen vor dem Deponieren und Postulieren noch nicht als gleichberechtigt anzusehen, dann freilich nicht mehr in Anbetracht des Cornutengeldes. Der Junge Geselle hatte von seinem spärlichen Wochenverdienst den Postulierten (den schon "gemachten" Gesellen) regelmäßig einen Betrag zu zahlen, damit er überhaupt in der Druckerei geduldet wurde! "In dem alten Ceremonienwesen der Schulen und Handwerker bedeutet DEPONIEREN eine bildliche Vorstellung und Erinnerung, welche durch allerhand sinnliche Getränke einem Menschen, der aus einem unordentlichen in einen ordentlichen Stand, oder aus der Ungezogenheit in einen gezogenen Lebenswandel treten will oder soll, gegeben, und gleichsam zur treuen Verwahrung übergeben wurde, dass er das vorige ungezogene Wesen nunmehr beständig ablegen und hingegen Zucht und Ehrbarkeit an sich nehmen müsse." (1776) Der Deposition, der "Absetzung" des Lehrlings, lag der Gedanke zugrunde, dass damit alle Torheiten des unreifen Alters abgelegt werden. Endgültig besiegelt wurde das durch das damit verbundene POSTULIEREN. Es ist unschwer zu erkennen, dass dieser Brauch (der seit der zweiten Hälfte das 16. Jahrhunderts nachweisbar ist) sich in dem bis heute aktuellen GAUTSCHEN wiederfindet. Die DEPOSITION verlief nach zeremoniellen, streng vorgeschriebenen Regeln, wobei freilich das Hänseln des Cornuten, verknüpft mit mahnenden Reden, im Mittelpunkt stand. Die gewichtigste Person war dabei der Depositor, der nicht nur das Wort führte, sonder auch KNECHT und PFAFFEN veranlasste, recht massiv mit dem Cornuten umzugehen, wenn es galt, diesen mit dem POSTULATIONSGERÄT zu traktieren, dass ihn die Erinnerung daran ein Leben lang begleite. Welche deftigen Sprüche der Depositor führte, mag an zwei Beispielen aus einem auf das 17. Jahrhundert zurückgehenden "Depositionsspiel" (einer Art Reglement für die Deposition) veranschaulicht werden: "Wolan es muß das groben Schwein/Mit sonderm Fleiß behobelt seyn/ Knecht/ Hilff mir lustig machen." Und nachdem bereits einiger Schabernack getrieben worden war: "Nun ist er heraus der böse Zahn/ Gib die Pommad' her mein Compan/ Den Bart ihn anzustreichen: Auf daß dem schönen Jungfern-Knecht Ein jeder mög' ansehen recht/ Die Hund' ihn auch beseichen" (Rist, 1654/1714) Der KNECHT gab mit vereinbarten Fragen dem Depositor eine Fülle von Gelegenheiten, den Cornuten nach allen Regeln der Kunst lächerlich zu machen. Er hatte außerdem die Pflicht, die Poustulationsgeräte zu bedienen. Der PFAFFE trat als Lehrmeister des Cornuten auf und sprach ständig mit salbungsvollen weisen Ratschlägen auf den Cornuten ein. Die Rolle der "Geistlichkeit" übernahm ein Gehilfe der Druckerei. Dem Deponieren folgte zwangsläufig das POSTULIEREN, d. h dem Beenden des Lehrlingsstandes folgt die Aufnahme in die Gesellenbruderschaft. Im Mittelpunkt der beim Postulieren ablaufenden Zeremonie stand das HOBELN. Während das noch von dem ausgelernten Lehrling durchzustehen war -freilich mit mancherlei Ängsten, Zittern und Zagen -, bereitete das erforderliche Postulatsgeld Sorgen. Und danach wurde auch noch der Aufwand für den Lehrbraten fällig. Ohne das POSTULATSGELD wurde nichts aus der Aufnahme in den Gesellenstand Der erforderliche Geldbetrag war vor dem Deponieren und Postulieren vorzulegen. Es war beträchtlich hoch, zumal er für die verschiedenen Zwecke aufgeteilt wurde und jeder der Agierenden natürlich etwas davon abbekommen wollte. Im einzelnen ging es um das Fordergeld (für das Austragen des Forderzettels), den Druckereiverteil (für das Verschenken mit den Kollegen) sowie um das während der Zeremonie fällige Deputat, Beamten- und Pritschengeld. Das POSTULATIONSGERÄT war ein überdimensionales und damit respekteinflößend gestaltetes Werkzeug verschiedenster Art, um den auf der Depositionsbank liegenden Cornuten damit zu hobeln. Neben dem Grob- und dem Schlichthobel gehören zum obligaten Postulatsgerät Zirkel, Bohrer, Messstab, Feile, Pinsel, Kamm, Zange und Ohrlöffel. Das HOBELN ist der allgemein übliche Sammelbegriff für alle jene Torturen, die ein Cornut beim Deponieren und Postulieren über sich ergehen lassen musste. Als Zeichen der Männlichkeit wurde ein Bart aufgepinselt, natürlich mit einem großen und rauen Instrument. Mit einer nicht minder großen Feile machte man sich an den Fingernägel zu schaffen, damit der Cornut darunter keinen Unflat horten könne und die Finger nicht als "Waffe der Ungerechtigkeit" gebrauche. Vor allem aber wurde eine Reihe der verschiedensten Zähne gezogen, so der "Eberzahn" (um nicht beißig oder zänkisch zu sein), der "Lasterzahn" (damit die Mitmenschen nicht dem Anzwacken und Anblöken ausgesetzt sind), der "Leckerzahn" (um so das Naschen und das Greifen nach -niedlichen Bissen - zu unterbinden) und schließlich der "Lachzahn" (damit der Cornut nicht durch zuviel Lachen zum Narrenregister gezählt wird). Zu guter Letzt werden noch die Ohren mit riesigen Ohrlöffel gesäubert, denn nur dann könne das Gehör aufmerksam gegenüber der Lehre der Tugend sein und sich schändlicher Reden entziehen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ging es mit dem Deponieren und Postulieren zu Ende, und man sann nach neuen, weniger aufwendigen und nicht allzu rauen Möglichkeiten, aus einem ausgelernten Lehrling einen richtigen, brauchbaren Gehilfen zu machen. Dafür sollte allerdings auch ein neuer Name stehen. Nun gab es quasi in der Verwandtschaft, bei den Papiermachern, eine Verrichtung, und zwar das Gautschen, mit dem diese das Papier erst zu etwas richtig Brauchbarem machten. In ihrer Fachsprache bedeutet das Gautschen das Pressen von Papierbahnen, um das Wasser daraus wegzubringen. Irgendwie hat zumindest erst einmal das Wort bei den Jüngern der SCHWARZEN KUNST Gefallen gefunden, und da Wasser hier wie da eine Rolle spielte, nannten sie das nicht mehr so rigorose Gesellenmachen GAUTSCHEN. Und dabei blieb es bis heut. Beim Gautschen wird der Kandidat auf einen nassern Schwamm gesetzt, ebenso in eine Wanne mit Wasser getaucht, und auch Sprüche werden geklopft, zum Beispiel ist ein bekannter Gautschspruch. "Packt an, Gesellen, laßt seynen Corpus Posteriorum fallen auf diesen nassen Schwamm, bis trieffend beide Ballen.. Der durst'gen Seele gebt ein Sturtzbad obendrauf, das ist dem Sohne Gutenbergs die allerbeste Tauf". Die in den allermeisten Fällen humorvoll abgefasste urkundliche Bestätigung des Gautschens ist dar GAUTSCHBRIEF. Dass freilich der Text nicht gar so zimperlich war, mag die drastische Inschrift eines Gautschbriefes verdeutlichen, der vor mehr als hundert Jahren in Bern ausgestellt wurde: "Den alten Kunstgebrauch zu ehren, Thät er sich weder sträuben noch wehren. Erhielt die üblichen drei Stöße auf den Arsch. Und zappelte dabei wie ein Barsch . Darauf bezahlte er blank und bar Das altbekannte Gautschhonorar."


Quelle: Nadolski, Dieter: Kleines Lexicon der Schwartzen Kunst, Spracheigentümlichkeiten und Brauchtum des Buchdruckerhandwerks von A - Z. Ein Mini-Pappband oder Lederband im Schuber, Format 8 x 10,5 cm, zweifarbig, in sauberer buchbinderischen Verarbeitung und ansehnlicher Gestaltung mit passendem Papier und sauberem Druck. Verlag Beruf +Schule, Itzehoe.